Berlin-Marathon 2017: Ein Blick von der Seitenlinie

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Den Berlin Marathon zu laufen ist wohl ein einmaliges Erlebnis: über 40.000 LäuferInnen nehmen daran Teil und ich habe keinen Streckenabschnitt erlebt, an dem keine Zuschauer, geschweige denn großartige Stimmung war. Es ist einfach unfassbar! Mittlerweile bin ich in einer Filterblase eingeschlossen, bei der gefühlt jeder Zweite den Berlin-Marathon 2017 am vergangenen Sonntag mitlief. Ich freue mich für jeden einzelnen, der an diesem Erlebnis-Marathon teilhaben durfte und gesund im Ziel angekommen ist. Bisher reizte mich Marathon in Berlin aber so gar nicht. Aber ich glaube, das hat sich am Sonntag geändert.

Im letzten Jahr ging es mir schon leicht auf die Nerven, dass die andere Hälfte meiner Filterblase dort mitlief. Ab Anfang September geht es auf Twitter, Facebook, Strava und sogar beim Lauftreff um nichts anderes als Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Mir selbst war das irgendwie zu doof: Man muss sich für ein Losverfahren anmelden und bekommt dann den Startplatz zugelost. Zumindest kenne ich niemanden, der sich für die Lostrommel anmeldet und den Platz nicht bekommt. Es ist aber auch gut möglich, dass diejenigen damit nicht gerade so herum posaunen, wie die Fraktion die vom Losglück getroffen wird.

Man konnte für den Berlin-Marathon 2017 mit einer Qualifikationszeit von 2:45h bzw. 3:00h für Frauen (bis AK45) die Lostrommel umgehen – das gilt wohl auch wieder für das kommende Jahr. Aber egal wie rum: die Teilname kostet trotzdem über 100 €! Das war mir bisher echt einfach zu viel für einen Marathon. Trotzdem bin ich in diesem Jahr nach Berlin zum Marathon gereist, auch wenn ich nicht mitlief. Kerstin hatte einen Startplatz und ich kam mit, um sie und alle anderen anzufeuern.

WarmUp zum Berlin-Marathon 2017 mit Nike

Nach diesem Wochenende in Berlin denke ich anders über den Marathon. Einen Besuch auf der Marathon-Messe habe ich mir allerdings gespart. Erst in der Nacht von Freitag auf Samstag war ich angereist. Statt dessen gingen wir am Samstag zum Nike ShakeOut Run. Der kleine Lauf findet regelmäßig im Vorfeld des Berliner Halb- und Marathons statt. Hier konnte ich das erste mal richtig die Berliner Marathon-Atmosphäre geschnuppert. Rund 250 TeilnehmerInnen trafen sich bei Nike am Ku’damm. Darunter waren auch einige bekannte Gesichter. Ein Teil der #werunfrankfurt-Crew war nämlich auch dort. Das Treffen war also die ideale Brutstätte, um sich gegenseitig mit dem Marathon-Fieber anzustecken. Mich eingeschlossen. Und dabei würde ich definitiv nicht mitlaufen.

Es war schade, die anderen alle Laufen zu sehen und selbst nicht mit machen zu können. Seit dem Marathon in Münster vor 14 Tagen bin ich nicht einen Meter gelaufen. Nicht weil ich nicht wollte, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Eine geplante Operation hatte ich mir extra für nach dem Marathon aufgehoben. Und die sorgt nun dafür, das sich bis Mitte Oktober nicht sporteln darf. Blöd, aber lässt sich nun nicht mehr ändern. Den Berlin-Marathon 2017 hätte ich sowieso nicht mitlaufen können – ich hatte ja gar keinen Startplatz.

Der Wettkampf-Tag einmal anders

Morgens auf der Wiese vor dem Startbereich des Berlin-Marathon 2017
Vor dem Startbereich des Berlin-Marathon 2017 sind schon viele LäuferInnen unterwegs.

Natürlich heckten Kerstin und ich uns Samstag abend noch aus, wo ich stehen könnte. Ein Lob auf die Veranstalter, die auf der Rückseite des Streckenplans auch einen S- und U-Bahn-Plan drucken ließen. So konnte ich den einen oder anderen Treffpunkt direkt streichen und dafür andere aufnehmen. Insgesamt hatten wir sechs oder sieben Spots ausgemacht. Die waren so gelegt, dass wir sie beide – sowohl zu Fuß als auch mit der Bahn – ohne großartige Hast erreichen können. Kerstin hatte sich für Berlin kein Zeitziel gesetzt und wollte es locker angehen. Wir rechenten daher mit um die vier Stunden bis zum Ziel.

Der Marathon-Sonntag begann fast wie jeder andere Wettkampf-Tag: Der Wecke schrillte zu unchristlicher Zeit. Es gab ein kleines Frühstückchen aus Müsli und Kaffee. Die am Vorabend gepackten Sachen wurden geschultert und mit der Bahn ging es in Richtung Start. Der einzige Unterschied für mich war, dass ich meine Laufklamotten nicht anzog. Statt dessen war ich mit meiner Kamera und dem Streckenplan bewaffnet.

Ich brachte Kerstin bis zum Startbereich vor dem Reichstag. Da wir etwas zeitig da waren, warteten wir noch ein paar Augenblicke, bevor wir uns verabschiedeten. Kerstin ging durch die Sichterheitskontrolle und ich machte mich auf den Weg zur Siegessäule, wo wir uns das Erste mal sehen wollten. Auf dem Weg dorthin kam ich an den Eingängen zu den Startblöcken vorbei. Bereits viele LäuferInnen waren schon unterwegs dorthin oder nutzten die freien Flächen und Straßen, um sich warm zu laufen oder zu stretchen.

Startschuß in 800 Metern Entfernung

Am Fuß der Siegessäule angekommen, brauchte ich nicht lange nach einem Platz suchen. Schnell fand ich eine gute Position, aus der heraus ich brauchbare Fotos schießen könnte. Zwar war ich auch hier etwas zeitig, aber so bekam ich mit, was für ein Trubel noch vor dem Start herrscht. Polizeiautos, Begleitfahrzeuge, Begleitfahrräder rangierten schier endlos hin und her. Dann kamen die Handbiker mit einem Affenzahn vorbei gesaust. Schließlich wurde die Stimme de Moderators lauter, es gab einen Knall und blaue Luftballons stiegen im Startbereich gen Himmel.

Die Welle des Jubels war direkt zu hören. Sie kam immer Näher und wurde lauter. Auf ihrem Lautstärkehöhepunkt brachte sie die führenden Läufer und Läuferinnen mit. Immer noch bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran zurück denke.

Berlin-Marathon 2017: Führungsfeld kurz nach dem Start
Bereits wenige hundert Meter nach dem Start des Berlin-Marathon 2017 setzte sich die Führungsgruppe ab.

Noch vor ihrem Start rief Kerstin an: Der Garmin-Live-Track würde nicht funktionieren. Ich hatte es schon fast vermutet, denn ich wollte einen Tweet absetzen und ein Bild bei Facebook posten – aber nichts kam wirklich durch. Abertausende Läufer und Zuschauer haben kurzerhand das Mobilfunknetz überlastet. So müssen wir uns eben anders orientieren. In Zeiten vor den technischen Gadgets hat das ja auch irgendwie geklappt.

Minutenlang strömten LäuferInnen aus aller Herren Länder auf die Siegessäule zu. Es nahm kein Ende. Lediglich eine kurze Pause gab es zwischen den beiden Startwellen, wo etwa fünf Minuten lang die Straße des 17. Juni wieder wie leer gefegt war.

An beiden Seiten der Siegessäule strömen tausende Läufer vorbei.
An beiden Seiten der Siegessäule strömen tausende Läufer vorbei.

Erstes Treffen verpasst, das zweite klappt dann aber

Endlich startete auch die zweite Welle. Ich verließ meinen Platz und ging an die Straße, dort wollte ich Kerstin das erste mal zujubeln. Nachdem ich minutenlang dort wartete, brach ich aber nach etwas mehr als zehn Minuten ab. Ich wusste nicht genau, wie lange sie bis über die Startlinie brauchte und wollte nicht riskieren, sie am nächsten Punkt zu verpassen. Der zweite Treffpunkt war bereits nach etwas mehr als fünf Kilometern. Bei dem Tempo, das Kerstin geplant hatte, würde sie dort in etwas weniger als 30 Minuten ankommen. Zwar nahm ich eine Abkürzung, musste aber dennoch rund 1.500 Meter zu Fuß zurück legen.

Berlin-Marathon 2017 kurz nach dem Start
Immer noch strömten LäuferInnen auf die Siegessäule zu.

Später erzählte Kerstin mir, dass sie mich noch hat gehen sehen. Zwar hatte sie mich gerufen, aber ich habe das natürlich nicht gehört. Abgesehen davon, dass es sowieso wegen des Jubels laut war, hörte ich ja nur eingeschränkt.

Beim zweiten Treffpunkt klappte es aber – wenn auch nur knapp. Glücklicherweise erreichte ich die verabredete Stelle genau zu dem Zeitpunkt, als sich die Lücke zwischen den beiden Startwellen dort entlang schob. Nur vereinzelte Läufer waren auf der Strecke, so dass ich die Straßenseite wechseln konnte ohne dabei zu behindern. Auch hier wartete ich ein paar Minuten und war erneut kurz davor, abzubrechen und meinen Weg fort zu setzen.

Plötzlich sprang Kerstin aus der Läufermasse hervor. Von einem zum anderen Ohr strahlend hüpfte sie auf mich zu, umarmte mich und verabschiedete sich im gleichen Augenblick. Sie war sichtlich glücklich, mich zu sehen! In diesem Moment war ich viel zu überrascht um zu zeigen, wie sehr ich selbst mich freute. Geschweige denn ein Foto von ihr zu machen.

Zwanzig Kilometer verpasst

Kaum war Kerstin wieder in der Menge verschwunden, machte ich mich auf den Weg Richtung Hauptbahnhof. Dort gönnte ich mir noch einen Coffee-to-go und traf den ersten Aussteiger. Er hatte sowieso geplant, aus gesundheitlichen Gründen nur 10 Kilometer zu laufen. Aber sein Rücken würde nicht mit machen, deshalb musste er noch früher aufgeben.

Angekommen am Alexanderplatz, musste ich mich oberirdisch erst ein wenig orientieren. Die Laufstrecke war nicht ausgeschildert. Deshalb folgte ich einfach der breiten Masse und suchte mir ein Plätzchen, an dem ich etwas Ellenbogenfreiheit hatte. Auch hier war eine gigantische Stimmung! Die Marathonis waren durchweg gut gelaunt und wir Zuschauer trugen unseren Teil dazu bei. Bei Kilometer elf war den wenigsten Erschöpfung anzusehen.

Wir hatten uns für eine Straßenseite verabredet – so war es für uns beide einfacher. Jedoch war es aussichtslos, zwischen der Läufermasse hindurch zu kommen, ich konnte die Straßenseite nicht wechseln. Das Live-Tracking über die Berlin-Marathon-App schlug fehl. Einerseits war das Handynetz immer noch ziemlich ausgelastet. Andererseits ließ Kerstin nicht ihre Splitzeiten verfolgen – sie waren erst nach Ende des Rennens einsehbar. Nun musste ich also die gegenüberliegende Seite im Auge behalten. Vergebens. Nach einer Weile machte ich mich auf den Weg zum nächsten Treffpunkt.

Mein nächstes Ziel war der S-Bahnhof Yorckstraße. Kurz hinter der Halbmarathon war unser nächster Treffpunkt. Auch hier war die Straße schier endlos lang von begeisterten und begeisternden Zuschauern gesäumt. Erneut suchte ich mir ein Plätzchen mit etwas mehr Ellenbogenfreiheit und begann den Marathonis zuzujubeln, zu applaudieren und sie anzufeuern. Hier waren bei einigen schon die ersten Ermüdungserscheinungen zu sehen. Andere hingegen genossen die Aufmerksamkeit der Kamera und posierten sogar.

Berlin-Marathon 2017 am Bahnhof Yorckstraße
Das Marathon-Wetter war nicht schlecht, aber auch nicht ganz optimal.

Das letzte Viertel ist das längste

Auch am Bahnhof Yorckstraße wartete ich vergeblich. Irgendwann blickte ich auf die Uhr, rechnete kurz und kam zu dem Schluß Kerstin muss doch schon längst durch sein! Statt mich zum nächsten verabredeten Treffpunkt bei Kilometer 27 zu begeben, fuhr ich direkt einen weiter. Dort, am Fehrbelliner Platz, bei Kilometer 32, sollte ich dann ein paar Minuten Vorsprung haben. Ich würde einfach so lange warten, bis Kerstin dort vorbei kommt!

Berlin-Marathon 2017 am Fehrbelliner Platz
Bei Kilometer 32 hat der Marathon bekanntlich gerade erst angefangen.

Die zweite Hälfte des Marathons fängt bei Kilometer 30 an – und ist doppelt so lang, wie die erste.
Also wartete ich. Ein paar Minuten später klingelte mein Telefon. Es war Kerstin! Nach einigen technischen Schwierigkeiten hatte ich sie dann endlich am Apparat. Jedoch sprach sie nichts. Ich hörte sie nur keuchen.

Sofort schossen mir tausend mögliche Sachen durch den Kopf. Nach ihren Querelen in der Vorbereitung, bei ihrem Münster Marathon und der leichten Erkältung in den letzten Wochen rechnete ich mit dem Schlimmsten. Deshalb war das Logischste in diesem Moment natürlich, dass sie irgendwo am Streckenrand liegt und dringende, medizinische Hilfe braucht. Doch nach ein paar schier endlos langen Augenblicken fing sie dann an zu reden. Nur in kurzen Sätzen, aber immerhin. Es ging ihr körperlich ganz gut, aber trotzdem verlangte auch ihr dieser Berlin-Marathon 2017 einiges ab. Ein Marathon ist eben kein Kindergeburtstag. Sie war gerade bei Kilometer 28 durch. Ich beschloss, ihr ein Stück entgegen zu gehen.

Die ganze Zeit war sie dabei bei mir am Telefon. Reden war zwar nicht mehr wirklich viel drin, aber im Hintergrund hörte ich ihre Schritte. Ich hörte, wie die Zuschauer im Hintergrund zujubelten. Ich hörte, wie Musik von einem der Hotspots erst langsam lauter, dann langsam wieder leiser wurde. Zumindest war sie in Bewegung. Ziemlich genau einen Kilometer schaffte ich ihr entgegen zu gehen, bevor wir uns trafen.

Endspurt

Berlin-Marathon 2017 am Fehrbelliner Platz
Berlin-Marathon 2017 bei Kilometer 31: Immer mehr Marathonis steht das Leiden ins Gesicht geschrieben.

Nach einer ausführlichen Umarmung, die die Vorbeilaufenden mit neidischen Blicken quittierten, gingen wir ein paar Meter zusammen. Bloß nicht stehenbleiben! war die Devise. Bereits nach wenigen Augenblicken war sie aber wieder soweit und lief weiter. Wir verabredeten uns für die nächste U-Bahn-Haltestelle und telefonierten derweil weiter.

Die U-Bahn wurde immer voller, je näher ich dem Ziel kam. Es schien, als würden sämtliche Zuschauer mit mir zusammen an die gleichen Stationen zum Anfeuern fahren wollen. Verrückt! Trotzdem die Bahn brechend voll war, war die Stimmung sehr locker und entspannt. Lediglich ein paar wenige Fahrgäste, die scheinbar nichts mit dem Berlin-Marathon 2017 zu tun hatten, waren – verständlicherweise – leicht genervt. Aber: So ist das eben bei Großveranstaltungen.

Bahnfahren während des Berlin-Marathon 2017
Voll, voller: U-Bahn-Fahren während des Berlin-Marathon.

Zwei mal trafen wir uns noch am Streckenrand, bevor es Kerstins ins Ziel schaffte. Sie hat sich ganz schön durch gebissen, musste ordentlich kämpfen. Und sie hat gewonnen. In einer beachtlichen Zeit von knapp über 4 Stunden überquerte sie schließlich die Ziellinie. Ich bin mega stolz auf sie. Dass sie trotz der negativen Vorzeichen überhaupt zu ihrem zweiten Marathon binnen 14 Tagen angetreten ist, dass sie trotz allen Widrigkeiten eines solchen langen Laufs nie aufgab, dass sie sich erfolgfreich immer weiter in Richtung Ziel bewegte. Einfach unglaublich! Ich weiß nicht, ob ich das genau so durchgezogen hätte.

Von der letzten Station aus ging ich die etwa 1,5 km zu Fuß zum Zielbereich. Ein letztes mal habe ich den Marathonis applaudiert, sie angefeuert und die großartige Stimmung aufgesogen. Als ich am verabredeten Treffpunkt ankam war klar: Den Berlin-Marathon will ich nächstes Jahr auch laufen!


Kurz vor dem Ziel beim Berlin-Marathon 2017
Kurz vor dem Ziel beim Berlin-Marathon 2017.

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