Mein erstes Mal … als Pacer – beim #berlinhalf 2017

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Meine Jahresplanung sah nicht vor, dass meine Teilnahme am Frankfurter Halbmarathon der Kick-Off für mein Boston-Projekt ist. Daher kam es mir ganz recht, dass ich beim Berliner Halbmarathon nicht auf Zeit laufen würde. Geplant war nämlich, mit meinen beiden Geschwistern gemeinsam den Halbmarathon zu laufen. Ich hielt als Pacer für 1:59:59 her, mit den anderen beiden im Schlepptau. Einer von beiden sagte kurz vorher ab, so dass wir nur zu zweit liefen.

Mein Plan für Berlin war ganz simpel und unspektakulär gestrickt: Samstag früh hin, Nummer abholen, chillen, schlafen, laufen, chillen, Sonntag abend wieder heimwärts. Wie das aber nun mal so ist im Leben, kam es natürlich ganz anders.

Bereits ein paar Tage vor dem Wochenende in Berlin hatte ich die Einladung von Manu zu einem gemeinsamen Pastaessen am Samstag Abend angenommen. Der Italiener war in der Nähe des Start- und Zielbereichs. Damit passte er gut zu meiner Idee, vor dem Lauf mir noch einmal Start und Ziel in Ruhe anzuschauen. Das hilft mir gerade bei den großen Stadtläufen, um mich am Raceday besser zu orientieren.

Eine Marathon-Messe wie … jede andere

Der erste Schock traf mich, als wir bei der Berlin VITAL ankamen, um meine Startnummer abzuholen. Mein Bruder hatte mich zwar hinchauffiert, war aber schlau genug gewesen, seine Startnummer bereits am Morgen abzuholen. Die Schlage zum Eingang war gefühlt einen Kilometer lang und schien sich kein Stück zu bewegen. Sofort nahm ich Kontakt zu einigen MitläuferInnen aus Frankfurt auf von denen ich wusste, dass sie hier auch starten würden. Meine Hoffnung war, dass jemand von ihnen schon weiter vorn in der Schlage stand und ich mich ganz dreist dazu gesellen konnte. War aber leider nichts, ich musste wohl den ganzen Weg anstehen.

Nach wenigen Minuten setzte sich die Schlange wider Erwarten in Gang. Innerhalb von fünfzehn Minuten standen wir plötzlich vor dem Ausgabe-Schalter. Mir ist bis heute schleierhaft, warum die Schlange vor der Tür so lang geworden war und sich nicht bewegte. Vermutlich war an den Ausgabe-Schaltern gerade Mittagspause oder so.

Mit der Nummer in der einen und dem Starterbeutel voll Werbe-Gedöns in der anderen Hand schlenderten wir kurz über die Messe. Was soll ich sagen: Kennste eine, kennste alle. Diese Marathon-Messen sind ja doch irgendwie alle gleich. Dort herrscht viel Gedränge um Schuhe, Bekleidung, Accessoires, Nahrungsergänzungsmittel. Und immer scheinen die üblichen Verdächtigen ihre Stände aufgebaut zu haben. So überraschend wie Schnee im Winter.

Abendessen unter freiem Himmel

Nach dem Abholen der Startnummer machte ich mich auf in Richtung Alexanderplatz. Dort traf ich mich mit einer Laufbekanntschaft aus Frankfurt und wir schlenderten ein wenig um den Start- / Zielbereich herum. So konnte ich mir einen kleinen Lageplan einprägen, damit ich mich am Wettkampftag schneller und besser orientieren konnte. Von dort aus gingen wir direkt zum Italiener, wo wir später Abendessen würden.

Es war nachmittags und die die Sonne schien so warm, dass ich fast von einem Sommertag sprechen würde. Um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken, setzten wir uns bei dem Italiener draußen an einen Tisch und genossen ein Eis als kleine Zwischenmahlzeit 🙂

Verrückterweise war ich bei diesem Italiener schon einmal im vergangenen Sommer essen! Daher wusste ich, dass das Essen gut werden würde. Und so bestellte ich mir, wie die meisten anderen auch, herrlich frische und leckere Pasta. Insgesamt waren wir fast zehn Personen, die Manu im Rahmen des Berliner Halbmarathon zu diesem privaten Vorabend-Event eingeladen hatte. Natürlich wurden dann mit Fortschreiten des Abends die schönsten Lauferlebnisse, Anekdoten und alte Kriegsverletzungen ausgepackt 😀 Der Abend endete erwartungsgemäß nicht allzu spät, denn alle wollten am nächsten Tag topfit und ausgeschlafen beim Halbmarathon starten.

https://twitter.com/laufwelt/status/848236925295230976
 

Das Rennen

Sonntag um 7:30 Uhr stehe ich in meiner Race-Klamotte beim Bäcker. Draussen an den Tischen saßen schon zwei oder drei junge Leute, tranken in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen ihren Kaffee oder knabberten an ihrem Frühstücksbrötchen. Es dauert bestimmt fünf Minuten, bis sich jemand vom Raum hinter dem Tresen erbarmt nach vorne zu kommen. Ich hatte mich erfolglos geräuspert und gehustet, er auf mein Hallo, Kundschaft! rufen kam jemand hervor. Die Frau mittleren Alters – also ungefähr vier Wettkampfklassen Älter als ich – schaute mich über ihre schwere Brille hinweg mit einem ernsten Blick an. Wir ham eijentlich erst ab acht jeöffnet, junga Mann.Dit hat se bei de Kaffehipsta da draussen aber nich so jestört, wa? – Dit is Berlin.

Nach einem kurzen Wettkampffrühstück mit einer ausreichenden Dosis Kaffee machten wir uns auf den Weg nach Friedrichshain. Weiträumig um den Startbereich am Strausberger Platz waren überall Läufer und Läuferinnen auf den Straßen unterwegs. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie krass viele Menschen bei solchen Lauf-Großveranstaltungen mit machen! Da werde ich dann auch immer ein wenig aufgeregt und hibbelig. Je näher dann der Startschuss rückt, desto ungeduldiger werde ich 🙂

Voll, voller, #berlinhalf

Nachdem wir unsere Taschen bei meiner Tante, die dort in der Nähe wohnt, deponiert hatten, gingen wir zum verabredeten Platz, wo ich meine Pace-Gruppe treffen wollte. Das hat leider nicht so richtig geklappt, wie ich mir das dachte. Einen Paceling habe ich aufgrund defekter Technik verloren. Das fand ich schade, im Nachhinein aber gar nicht so schlimm. Denn sie hat ihr Halbmarathondebüt mit 1:47 (!) auch sehr gut ohne mich gemeistert. Bei dem Ergebnis muss ich sagen, es war gut, dass sie sich nicht von unserer 2-Stunden-Gruppe hat bremsen lassen. Glückwunsch auch noch einmal an dieser Stelle!

So wühlten wir uns nur zu dritt in Richtung Startblock. Unfassbar, was dort bereits auf den Beinen war! Eine riesige, wabernde Masse aus Menschen in Laufklamotten und in zivil. Sie drängelten sich alle um die Startblöcke und wir kamen nur im Fluß wirklich vorwärts. Umso schöner, wenn dann jemand sich entschied, einfach stehen zu bleiben und … keine Ahnung – jedenfalls nicht weiter zu gehen.

Da mein Bruder als Anfänger die langsamste Zielzeit angegeben hatte – ich war so schlau, meine PB bei der Anmeldung einzutragen – starteten wir in seinem Block. Es war überhaupt kein Problem, in einem langsameren Block zu starten – so soll es ja auch sein. Obwohl beim Start Blockabfertigung galt, bewegeten wir uns nach dem Elite-Start langsam aber stetig in Richtung Alexanderplatz in Richtung Startlinie.  Es hat aber fast eine halbe Stunde lang gedauert, bis wir dort endlich ankamen.

Nicht nur vor und am Start war es voll. Rund 35.000 Läuferinnen und Läufer schoben sich einmal rund um die Innenstadt. Auf der gesamten Laufstrecke war es immer eng, es herrschte regelrecht Gedränge. Das machte es nicht einfach, ein gleichmäßiges Tempo zu laufen. Immer wieder mussten wir kurz anziehen, um andere Läufer zu überholen oder abbremsen, weil wir nicht vorbei kamen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich unter diesen Umständen auf Bestzeit hätte starten wollen. Denn auch in den Startblöcken weiter vorne wäre es wohl nicht anders gewesen.

Projektmanagement ist steuern, korrigieren und improvisieren

Schon nach etwa einer Viertelstunde merkte ich, dass mein Bruder wohl doch nicht so ganz fit war, wie er hätte sein können. Zwar lagen wir zeitlich voll im Plan, aber in mir wuchsen die ersten Zweifel, ob wir das halten können würden. Da ich ihn unter keinen Umständen den Berliner Halbmarathon allein zu ende laufen lassen würde, schickte ich die andere Hälfte meiner kleinen Pace-Gruppe kurz hinter dem Brandenburger Tor auf die Reise. Denn ich war mir sicher, dass diese Hälfte den Lauf auf jeden Fall allein zu Ende laufen würde und das persönliche Zeitziel von 1:55 schaffen könnte. Denn hier waren die läuferischen Voraussetzungen solider aufgestellt. Mit meiner Einschätzung behielt ich später recht, denn es wurde sogar eine 1:52.

Knapp fünf Kilometer später war ich mir dann sicher: Das Zwei-Stunden Zeitziel ist weg! Den 5:30er Schnitt haben wir nicht mehr geschafft, sondern bewegten uns in Richtung 6:00 Minuten pro Kilometer. Deshalb rechnete ich konservativ neu mit 2:15 Stunden. Ich konnte nicht einschätzen, wie schnell und wie tief die Leistungskurve im weiteren Renn-Verlauf noch fallen würde. Heimlich wechselte ich langsam die Rolle und wurde vom Pacer zum Paceling. Stellenweise habe ich sogar mit Absicht etwas Zeit geschindet und das Tempo versucht runter zu ziehen. So hatte ich zwischendurch genug Gelegenheiten, ein paar Fotos auf der Strecke zu machen. Denn ich persönlich hatte für den Berliner Halbmarathon kein Zeitziel, mir ging es ausschließlich um den Erfolg meines/r Schützlings/e.

Zu diesem Zeitpunkt machte es überhaupt keinen Sinn mehr, auf Biegen und Brechen an den zwei Stunden fest zu halten. Mir war wichtiger, dass mein Bruder den Halbmarathon bis ins Ziel läuft, als einen vorzeitigen Abbruch (in Fachkreisen auch DNF genannt) zu riskieren. Natürlich muss ein DNF immer eine Option bleiben, ich wollte sie jedoch nicht für die Karte Überforderung ziehen, sondern habe sie mir für eine Verletzung vorbehalten. Nur weil das ursprüngliche Ziel letztendlich ein wenig zu ambitioniert war, bedeutet es ja nicht dass wir gleich komplett aufgeben müssen. Für mich machte es mehr Sinn, das Ziel zu korrigieren und um es zu erreichen ein wenig zu improvisieren. Und so platt das auch klingen mag: Ohne meine mittlerweile fast 10-jährige Lauferfahrung wäre das sicher nicht so einfach und klar gewesen.

Zieleinlauf

Nach zwei Stunden und neun Minuten überquerten wir schließlich die Ziellinie. Mein Bruder hatte die letzten drei Kilometer ganz schön gekämpft, aber wacker durchgehalten! Ich fand es schön, eine neue Medaille zu bekommen, vor allen Dingen weil diese eine außergewöhnliche Form hat.

https://www.instagram.com/p/BSbFY7qA9Mh/

Im Zielbereich haben wir die andere Hälfte meiner kleinen Pacegruppe wieder getroffen und zusammen erst mal das obligatorische Siegerbierchen getrunken. Während mein Bruder noch ein wenig um Luft und Worte rang, fingen die andere Hälfte der Pacegruppe und ich an, hoffnungslos legasthenisch zur dröhnen Musik aus den Lautsprechern zu wackeln. Ich konnte mir nicht verkneifen zu sagen: Wenn du dich jetzt noch so gut bewegen kannst, dann hast du aber noch viel Luft nach oben!

Irgendwann gingen wir getrennte Wege, mein Bruder und ich nutzten die private Duschgelegenheit bei der Verwandtschaft in der Nähe. Dort gab es zum großen Finale des Tages auch noch lecker Gegrilltes auf der Terrasse! Mittlerweile war das Wetter auch von leicht bewölkt auf überwiegend heiter umgeschwungen, so dass es noch ein schön angenehm sonniger Nachmittag wurde. Abends setzte ich mich dann wieder in den Flieger nach Frankfurt und fiel nach Mitternacht – dann doch leicht müde – ins Bett.

Berliner Halbmarathon – Sightseeing zu Fuß, aber als Pacemaker versagt?

Die Strecke beim Berliner Halbmarathon hat mir gut gefallen. Wir liefen an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei und bekamen sie so aus einer Perspektive zu sehen, die wohl eher selten ist: Von der Hauptverkehrsstraße aus. Ich fand es sehr beeindruckend, durch das Brandenburger Tor zu laufen – obwohl das eigentlich etwas ist, was ich jedes mal machen könnte, wenn ich dort wäre. Beim Halbmarathon fand ich das aber irgendwie geiler. Ich kann mir sogar vorstellen, eines Tages für den ganzen Marathon nach Berlin zu kommen. Jedoch nur, um ihn mal gemacht zu haben – oder im Rahmen eines The big 5 / World Marathon Majors-Projekts.

Denn das ist gleichzeitig auch mein Nachteil bei den großen Stadtmarathons. Da ich zu langsam bin, um vorne aus der Elite oder dem ersten Startblock zu starten, ist mir die Strecke einfach zu voll. Es macht mir keinen Spaß auf Zeit zu laufen, wenn ich immer wieder beschleunigen muss oder ausgebremst werde und so nie wirklich in einen gleichmäßigen Laufrhythmus kommen kann. Daher ist Sightseeing fast meine einzige Motivation, bei einem solchen Marathon teilzunehmen.

Nichts desto trotz muss ich feststellen: Als Pacemaker habe ich wohl versagt, indem ich das Zeitziel von 1:59:59 deutlich verfehlt habe. Dennoch habe ich, nicht zuletzt dank meiner Erfahrung aus vielen Wettkämpfen, rechtzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen. Die größere Lauferfahrung habe ich allein auf die Strecke geschickt, die dann sogar ein besseres Ergebnis als geplant einfuhr. Den Rookie habe ich statt bis zum Schluß begleitet. Ich glaube, vor die gleiche Situation gestellt, würde genau diese Entscheidung wieder treffen. Glaubst du, es war richtig wie ich entschieden habe? Oder hättest du es anders gemacht? Sag‘ mir deine Meinung in einem Kommentar!

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