Aus, vorbei. Ziemlich genau eine Woche ist es jetzt her: Spanien ist Weltmeister, wir sind zum dritten mal hintereinander gegen den zukünftigen Titelträger ausgeschieden. Nach vier Wochen Sommer, Sonne und Abseitspfiffen – was bleibt uns Fussballbegeisterten von dieser WM 2010 übrig?

Public Drinking Viewing ist massentauglich

Per Definition ist das öffentliche Gucken der Spiele ja ein Massending. Bei dieser WM fand ich es aber noch krasser, als noch vor vier Jahren. Und das obwohl – zumindest hier in Frankfurt – die PV-Arenen kleiner waren, als bei der WM im eigenen Land. Nur etwa 6.000 Leute (eigene Schätzung) passten in die KIA-City-Arena am Goetheplatz, nur knapp 20.000 Zuschauer beim Halbfinale in der WM-Arena von 2006 (beim Halbfinale damals gegen Italien waren es rund 45.000). In richtigen anderen Großstädten jedoch war die Begeisterung ungebrochen: Hamburg, Berlin, Köln – hier war es voller, als noch vor vier Jahren. Zumindest wenn ich dem trauen darf, was ich gehört und gelesen habe. Ausserdem kennt die Begeisterung auf den Straßen keine Grenzen. Auto-Korsos nach quasi jedem Spiel, egal welche Mannschaften spielten, selbst bei Algerien gegen Slowenien – Multi-Kulti eben.

Ich finde das Public Viewing viel besser, als home alone ein Spiel anzuschauen. Mann nimmt die Stimmung, die Begeisterung und das Mitfiebern viel besser auf.

Multi-Kulti ist auch unsere Mannschaft

Deutschland ist Multi-Kulti

Was gab es damals für Diskussionen um die Natinalmannschafts-Nominierung von Gerald Asamoah! Und Olivier Neuville! Schnee von gestern! Unsere Nationalmannschaft ist das Idealbild einer integrationsfreudigen Gesellschaft: Es kommt nicht darauf an, wo du geboren bist, sondern ob du gut Fussball spielen kannst und damit in die Mannschaft passt. Super! Es freut mich, dass wir zumindest in diesem Punkt soweit sind. Jetzt muss das nur noch „auf der Straße“ ankommen.

Sportreporter sollte wieder Schimpfwort werden!

Zu meiner Schulzeit war das eine latent-zynische Beleidigung. Nicht wirklich ernst zu nehmen, aber definitiv kein Lob für tolle Ausdrucksfähigkeit. Tom Bartels, Béla Réthy, Marcel Reif, Oliver Schmidt, Klinsi & Florian König: allesamt unterirdisch. Egal, wie schlecht das Spiel an sich war – sie waren schlechter!

Wenn ich die Spielernamen oder stumpfsinnige Statistiken haben will, schau ich im Netz nach. Da brauche ich mir nicht deren sinnentleertes, unkreatives Geseier anhören. Statt eines Vuvuzela-Filters sollten die Fernsehkanäle beim nächsten großen Turnier lieber einen kommentarfreien Tonkanal anbieten. So wie das früher EuroSport schon tat, was ich sehr gemocht habe. Die Kollegen vom Radio können das auf jeden Fall viel besser, die bringen wenigstens Spannung und Emotionen rüber.

Es gibt keinen guten Fussball mehr

Ich habe kein wirklich technisch anspruchsvolles Spiel gesehen. Ich mag schnellen, genauen Fussball. So in etwa wie unsere Jungs 2006. Nennt es „Hurra-Fussball“ – mir egal. Die WM-Spiele, die ich gesehen habe, waren entweder nicht gut, oder Grottenkicks. Und Welrmeister Spanien – naja. Ich gönne ihnen den Titel, sie waren dann wohl das beste der 32 schlecht spielenden Mannschaften. Ja, auch wir waren meistens nicht gut. Es gab immer wieder mal 5-Minuten Phasen die in Ordnung waren und für immerhin 16 WM-Tore gesorgt haben, aber sonst. Es hat mich eigentlich nur die erste Hälfte gegen die Albiceleste überzeut. Die Argentinier haben wir schon gut dominiert. In der zweiten Hälfte wurde das anders, Das Spiel-Niveau glich sich an – aber Argentinien steigerte sich kaum.

Ein Krake wird zum WM-Held

Dabei ist das nicht der Spitzname eine Torhüters. So was hab ich auch noch nicht erlebt. Vor allem Dingen, dass die Menschen auf das arme Tier so abgehen. Klar, es ist letzendlich der Sündenbock für die eigene Enttäuschung. Aber hallo?! Das Vieh hat nur das einzige gemacht, was es kann: fressen. Aufstieg und Fall binnen vier Wochen in einer Spannweite, die nicht mal Zizou bei der vorigen Weltmeisterschaft geschafft. Eine Auswahl der besten Reaktionen des Twitter-Mobs auf Pauls Voraussage des Halbfinalspiels gibt es übrigens bei Cluetrain PR.

Ausserdem werden wir 2014 Weltmeister

Was Klinsi begann und Jogi fortführte, war eine krasse Verjüngung der Mannschaft. Wir stellten die jüngste A-Auswahl seit 1934 auf den Platz und die drittjüngste Mannschaft des Turniers. Bis zum nächsten Turnier werden zwar ein paar Spieler abdanken (Klose, Friedrich und hoffentlich auch Ballack – bei dem ist sich ja keiner so sicher, wie lange der eigentlich noch machen will, hoffentlich nicht bis der ewige Vize endlich mal einen Titel gewinnt) und dafür neue nachrücken. Im Gegensatz zu den anderen großen Mannschaften wird der „Umbruch“ aber gar keiner werden.

Spanien, Argentinien, Italien, Frankreich, Brasilien – alle werden viel mehr Nachwuchs heran züchten müssen. Und mal ganz ehrlich: Im Moment gibt es doch kaum genug Weltstars aus den jeweilgen Ländern, um eine verjüngte Mannschaft auf den Platz zu schicken, oder? Schon heute kommen die Superstars verstreut von überall aus der Welt: Eto’o, Drogba, Suarez, Messi, Christiano Ronaldo, Wayne Rooney usw. Mit denen kann man keine einzige Nationalmannschaft vollkriegen. Denn zu einem Fussballteam gehören 11 Mann und nicht ein einzelner herausragender Spieler, auf den sich alle verlassen à la „der Rooney wird’s schon richten„.

Gut für uns, dass wir 2014 schon viele Spieler im besten Alter haben, die ihr drittes WM-Turnier spielen. 2014 holen wir den Pott am Zuckerhut!

5 Kommentare

  1. „Die Kollegen vom Radio können das auf jeden Fall viel besser, die bringen wenigstens Spannung und Emotionen rüber.“

    Da geh ich vollkommen mit. Ich bin zwar kein großer Fußballfreund, muss aber sagen, dass die Leistung der ARD und ZDF-Kommentatoren teilweise unterirdisch war. Live-Kommentare im Radio wirken viel rasanter und reißen den Zuschauer noch wirklich mit.

    Mein Tip: Ruhig mal bei einer Spielübertragung den Ton vom Fernseher ausschalten und dabei parallel Radio hören. So hat man das beste aus zwei Welten ;).

    PS: Auch von professionellen Shoutcastern bei eSports-Veranstaltungen (in Deutschland eher noch ein Randthema) könnten sich die Kollegen vom Fernsehen mal eine Scheibe abschneiden.

    1. Hallo Marco,

      das betrifft leider nicht nur ARD und ZDF. RTL war da genau so schlecht. Und als Zweitliga-Fan schaue ich mir gelegentlich auch die Montagsspiele im DSF Sport.1 an – auch ein Graus.

      Wenn ich nicht live dabei sein kann, höre ich unterwegs immer die Übertragung von 90elf.de – die Fernsehbilder sind letztendlich doch immer 10 bis 15 im Verzug ;-)

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